Hallo Echo
Über die Top 100 der meistgefolgten deutschsprachigen Bluesky-Accounts

Zugegeben, manchmal vermisse ich das alte Twitter. Vor allem, wenn ich mich auf Bluesky langweile, weil mir dort die meisten Inhalte vorhersehbar erscheinen. Zunächst dachte ich, es läge an mir: Möglicherweise folge ich einfach nicht einer ausreichend diversen Auswahl von Accounts. Doch das ist offenbar gar nicht möglich. Zum einen scheint Bluesky die Grenzen seines Wachstums erreicht zu haben, denn seit etwa einem Jahr stagniert die Zahl der täglichen Beiträge.
Also statt gefühlter Emperie zu vertrauen, habe ich mich daran gemacht, die Top 100 der meistgefolgten deutschsprachigen Accounts zu analysieren. Bluesky ist wie Twitter in seinen Anfangsjahren nahezu komplett offen. Es bietet eine Schnittstelle (API), über die sich in Echtzeit vielerlei Art Informationen auslesen lassen. Umgekehrt lässt sich viel auch über die Schnittstelle schreiben - sprich: automatisierte Bot-Accounts sind einfach umzusetzen.
Ich baute einen Crawler, der ausgehend von den Followern bekannter deutschsprachiger Accounts viele zehntausend Konten betrachtete, um diejenigen mit hohen Followerzahlen zu finden. Im zweiten Schritt wurden alle Konten mit über 10.000 Followern überprüft, ob sie überwiegend deutschsprachig sind (basierend auf Stopwords). Dazu gab es noch Regeln, um Bots herauszufiltern (etwa Spiegel oder Tageschau), sowie ein wenig Handarbeit. Letztlich geht es bei dem ganzen Aufwand für mich auch darum, herauszufinden, ob sich mein Tool DIVER als Rechercheassistenz nutzen lässt, um dort generell Bluesky-Listen und Hasthags etc. automatisch zu monitoren.
Milieu-Netzwerk
Voilà, hier ist die Liste der 100 meistgefolgten deutschsprachigen Accounts, die in den vergangenen 14 Tagen etwas gepostet haben: Sie ist als Google-Spreadsheet und als Liste bei Bluesky verfügbar. Aus den Daten ist auch eine interaktive Visualisierung entstanden. Oben seht ihr einen Ausschnitt davon. Anhand des farbigen Balkens pro Account, der die letzten 100 bis 200 Beiträge repräsentiert, zeigt sich, ob der Account als Lautsprecher (reine Verbreitung), Multiplikator (viele Reposts) oder mitteilungsbedürftig (viele Antworten bzw. lange Threads) agiert. Pro Account könnt ihr in der Visualisierung ein generiertes Porträt aufrufen. Die Auswertung durch ein Large Language Model aller 100 Porträts lässt sich unten vollständig lesen. Das Fazit des LLM Claude Opus 4.5 lautet:
Bluesky D-A-CH ist kein Abbild des deutschsprachigen Raums, sondern ein professionelles Milieu-Netzwerk progressiver Medieneliten. Es funktioniert als Frühwarnsystem (gegen Rechts), Selbstvergewisserungsraum, Distributionskanal für Qualitätsjournalismus und Gegenpol zu X/Twitter. Die Homogenität ist nicht Plattform-Effekt, sondern Selbstselektion eines politisch aktivierten Milieus, das sich hier versammelt hat.”
Mit knapp 17.000 Followern wäre man dabei. Die meisten hat „Volksverpetzer“ mit 123.000 (der meistgefolgte englischsprachige Account nach Bluesky selbst ist AOC mit mehr als 2.1 Millionen). Diese Top 100 repräsentiert tatsächlich so etwas wie eine Echokammer (eigentlich habe ich ja Schwierigkeiten mit diesem Sinnbild). Mindestens 80 % der Accounts wären mit dem pauschalen Label „linksliberal” und/oder „grün” wohl halbwegs treffend umschrieben. Unter ihnen befinden sich viele Journalist:innen und diverse Pundits; das Geschlechterverhältnis bei Personen-Accounts ist halbwegs ausgeglichen. Aus der Deutschschweiz ist gar niemand dabei.
Wenn ihr euch die Zeit sparen wollt, 400 bis 600 Beiträge pro Tag selbst zu betrachten, um den Zeitgeist in der linksliberalen Blase mitzubekommen: DIVER schreibt jetzt täglich eine Zusammenfassung der Inhalte besagter Top 100, die ihr auch per E-Mail abonnieren könnt. Im Gegensatz zu Claude bin ich mir nicht so sicher, ob sich alle in diesem Selbstvergewisserungsraum darüber im Klaren sind, dass sie hauptsächlich zu sich selbst sprechen.
Die Topografie einer Gegenöffentlichkeit
Erzeugt per LLM Claude Opus 4.5
Eine Auswertung der 100 meistgefolgten deutschsprachigen Bluesky-Accounts offenbart ein Paradox: Was sich als “D-A-CH”-Ranking präsentiert, ist tatsächlich ein deutsch-österreichisches Netzwerk. Die Schweiz fehlt vollständig – nicht ein einziger Account unter den Top 100. Das sagt weniger über Plattformpräferenzen als über die Struktur des Medienmilieus: Wo es klein ist, fehlt die kritische Masse.
Die Zusammensetzung ist bemerkenswert uniform: Etwa 35 Journalist:innen, 20 Autor:innen und Analytiker:innen, 15 NGO-Accounts, zehn Politiker:innen, einige Wissenschaftler:innen, drei Satire-Formate. Politisch gehören über 90 Prozent zum linksliberalen bis linken Spektrum. Ruprecht Polenz, 78, Ex-CDU-Generalsekretär, ist der einzige nominell Konservative – und positioniert sich längst als liberaler Mahner gegen seine eigene Partei.
Fünf Themencluster dominieren die rund 15.000 analysierten Posts: die zweite Trump-Präsidentschaft als autoritäre Bedrohung, AfD und Rechtsextremismus, Medienkritik gegen Axel Springer und NIUS, Friedrich Merz als Negativfigur, Ukraine und europäische Sicherheit. Abwesend sind: Wirtschaft jenseits von Verteilungsfragen, Sport, Lokales, Unterhaltung. Österreich stellt rund 15 Accounts – die FPÖ als Dauerbedrohung mobilisiert.
Die Accounts lassen sich nach Diskursfunktionen sortieren: Watchdogs warnen und entlarven, Amplifier verstärken Verbündete durch Repost-Quoten zwischen 20 und 75 Prozent, Public Intellectuals übersetzen Fachanalyse für breitere Kreise. Brückenbauer zwischen verschiedenen Milieus sind rar. Das Netzwerk referenziert sich selbst: Volksverpetzer, Strobl, Brockschmidt, Böhmermann, Aigner, Wolf erscheinen in fast jeder Interaktionsbeschreibung als Knotenpunkte.
Der Krisenmodus ist Normalzustand. “Faschismus”, “demokratische Erosion”, “existenzielle Bedrohung” – Alarmvokabular durchzieht die Kommunikation nicht als Ausnahme, sondern als Grundton. Auffällig: Mehrere Accounts markieren Katzenbilder oder Trash-TV-Kommentare explizit als Entlastung vom eigenen Dauerstress. Eingebaute Selbstmedikation. Parallel dazu öffnen viele ihre privaten Räume – Krankheit, Familie, Alltag –, was Bindung jenseits politischer Übereinstimmung schafft.
Dieses Bluesky ist Frühwarnsystem, Selbstvergewisserungsraum, Vertriebskanal für Qualitätsjournalismus, Gegenpol zu Musks X. Keine Abbildung deutschsprachiger Öffentlichkeit, sondern ein professionelles Netzwerk aktivierter Medieneliten. Sie haben sich hier versammelt, weil sie einen Ort suchten – die Plattform hat sie nicht geformt.
Visualisierung: https://diver.fyi/bluesky-top-100-dach-visualisation
